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'Über Gemmenkunde' von Tobias Biehler (erschienen 1860) - Seite 10
Ein Inhaltverzeichnis mit Links zu den Seiten und Kapiteln finden Sie hier: Historische Texte.
Die Pasten (3. Seite)
Das Interessanteste aber, was von alten Glasarbeiten bekannt wurde, sind für den Gemmensammler immer die Glaspasten von tief- oder erhobengescbnittenen Steinen oder von plastischen Arbeiten größerer Form (Basreliefs), von welcher letzteren Art sich auch ein ganzes, mit Figuren geziertes Gefäß im Glasabguß findet. Die Glaspasten tiefgeschnittener Steine ahmen vielmals die verschiedenen Adern und Streifen nach, die sich in den Originalsteinen fanden, und auf vielen Pasten erhoben geschnittener Steine sind eben die Farben gesetzt, die der Kameo selbst hatte*). In einem Paar sehr seltener Stücke dieser Art ist das erhoben Figurierte mit starken Goldblättern belegt; das eine dieser Stücke zeigt den Kopf des Tiberius, und ist in den Händen des Herrn Byres, Bauverständigen in Rom. Diesen Pasten haben wir zu verdanken, dass viele seltene Bilder, die sich auf verloren gegangenen geschnittenen Steinen befanden, bis auf uns gekommen sind; wie unter andern der Zweikampf des Pittakus mit dem Phrynos über das Vorgebirge Sigeum, bei welchem der Erstere dem Phrynos ein Netz über den Kopf warf, worin er ihn so verwickelte, dass er ihn überwältigen konnte**).
*) Plinius erzählt an vielen Stellen, man habe alle Arten Edelsteine so geschickt nachgeahmt, dass die falschen schwer von den echten zu unterscheiden gewesen, wie z. B. den Opal, den Karfunkel, den Jaspis, den Saphir, Hyacinth und so von allen Farben. Man sehe darüber Galeotti und Buonarroti.
**) Die Abbildung und weitere Erklärung dieser Paste eines tiefgeschnittenen Steines findet sich in Winkelmann: Denkmälern Nr. 166. Auch besaß Winckelmann unter anderen Glaspasten einen erhoben gearbeiteten Herkules mit der Iole, der nach seiner Behauptung nicht minder schön sein soll, als derselbe, von dem alten Künstler Teukros geschnittene Gegenstand.
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Von größeren erhoben gearbeiteten Bildern finden sich insgemein nur zerbrochene Stücke. Es wurden mehrere derselben entweder in Marmor gefasst, oder zwischen gemaltem Laubwerke, und unter Arabesken als Zierat an den Wänden der Paläste angebracht *). Das beträchtlichste von diesen größeren erhobenen Arbeiten ist ein von Buonarroti beschriebener Kameo in dem Museum der venetianischen Bibliothek, welcher aus einer länglich viereckigen Tafel besteht, die mehr als einen Palm lang, und zwei Drittel desselben breit ist. Es ist auf demselben in flach erhobenen, weißen Figuren, auf einem dunkelbraunen Grunde, Bacchus in dem Schoße der Ariadne liegend nebst zwei Satyren abgebildet **). Die größten Leistungen in dieser Kunst waren aber Prachtgefäße, auf welchen halberhobene, helle oder vielfarbige Figuren, auf einem dunklen Grunde (so wie auf echten, aus Sardonyx geschnittenen Gefäßen) erscheinen. Von diesen Gefäßen ist vielleicht nur ein einziges völlig erhaltenes in der Welt, welches sich in der irrig sogenannten Begräbnisurne des Kaiser Alexander Severus fand und unter den Seltenheiten des barberinischen Palastes verwahrt wird. Die Höhe desselben beträgt beiläufig anderthalb Palmen +). Wie gross die Schönheit dieses Gefäßes sein muss, kann man daraus beurteilen, dass es bis in die neueste Zeit, als aus echtem Sardonyx gearbeitet beschrieben wurde ++). Wie unendlich prächtiger müssen nicht solche Geschirre von Kennern des wahren Geschmacks geachtet werden, als alle so sehr beliebten Porzellangefässe, deren schönes Material bisher noch zu keiner echten Kunstarbeit benützt wurde. Das meiste Porzellan ist zu lächerlichen Puppen verwendet! Die Alten bedienten sich auch noch einer besonderen Art von Trinkgläsern, in deren Boden das Bildnis irgend eines ihrer Vorfahren angebracht wurde. Nero hatte Gläser, in deren Grund Verse des Homer zu lesen waren. Pasten werden noch jetzt fortwährend erzeugt, und Bentley, Tassie, die Fabrik zu Trapani in Sizilien und das archäologische Museum zu Mailand lieferten vortreffliche Arbeiten dieser Gattung. Die schönsten neueren Glaspasten verfertigte vor beiläufig vierzig Jahren der Steinschneider Pichler, der, von Kaiser Franz I. von Österreich beauftragt, die schönsten Steine des k. k. Antikenkabinettes mit den Farben der Originale nachahmte. Mit diesen Pasten machte der Kaiser dem Papst Pius VII. ein Geschenk, welches Pichler 1821 persönlich zu überreichen die Ehre hatte.
*) Plinius spricht offenbar an jener Stelle nicht von erhoben gearbeiteten Bildern in Glas, sondern von Mosaiken.
**) Merkwürdig ist ein Basrelief, das ebenfalls mehr als einen Palm lang ist und aus drei Flächen besteht, in welchen man die Bildnisse des Apollo und zweier Musen sieht. Passeri schreibt auch von einem ihm angehörigen ähnlichen Basrelief, das beinahe drei Fuß lang sei und ein Stieropfer vorstelle.
+) Dieses Gefäß befindet sich schon seit mehreren Jahren nicht mehr im Palaste Barberini, sondern in England, wo es unter dem Namen der Portlandevase bekannt ist. Gefunden wurde es in einer der grössten marmornen Graburnen, die noch jetzt im Capitol aufbewahrt wird und lange für das Begräbnis des Kaisers Alexander Severus und dessen Mutter Mammäa galten. Abbildungen sowohl vom erwähnten Gefäße als auch von der Graburne mit ihren Reliefs finden sich im vierten Teil des Musei Capitolini, sodann in Piranesis Antichità romana, vom Gefäß allein auch bei la Chausse.
++) La Chausse. Dasselbe ist der Fall mit dem bekannten, vortrefflich gearbeiteten Kopf des Tiberius in der Gemmensammlung der florentinischen Galerie.
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