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'Über Gemmenkunde' von Tobias Biehler (erschienen 1860) - Seite 8
Ein Inhaltverzeichnis mit Links zu den Seiten und Kapiteln finden Sie hier: Historische Texte.
Die Pasten
Die Pasten sind Flüsse, Kompositionen oder farbige Glaser, welche öfter als Edelsteine verkauft wurden. Sie haben minderen Glanz, sind beim Gebrauch an hervorragenden Stellen bald abgerieben (graniert) und lassen im Inneren oft Luftbläschen bemerken. Sie sind, wenn man sie mit einem echten Steine zugleich ins kalte Wasser und dann unter die Zunge bringt, minder kalt als die Steine. Haucht man sie an, so wird an ihnen, da sie langsame Wärmeleiter sind, der Hauch länger als an den echten Steinen sichtbar bleiben. Sie werden von der Feile, der Ecke am Rücken eines Federmessers oder einer Schere, von Kristall oder einem Feuersteine leicht angegriffen und zeigen einen weißen Strich, während an der scharfen Kante eines Edelsteines, der geritzt wird, die Späne des Stahles, der Feile oder des Messers hängen bleiben. Beim Durchsehen zeigen Gläser fast immer Ränder von allen Farben des Regenbogens - selbst von der ihrer eigentümlichen Farbe entgegengesetzten - und geben uns beim Vorhalten einer Stecknadel nie ein doppeltes Bild, d.h. sie haben immer einfache Strahlenbrechung. Schon die ältesten Nationen, die Ägypter, Griechen und Römer, verstanden die Kunst, täuschende Glasflüsse zu verfertigen und so ihre Gemmen zu verfälschen. In neuerer Zeit erlaubt man sich auch noch andere Täuschungen. Man setzt z.B. auf violettes Glas oben ein Blatt Kristall, wodurch das Ganze das Aussehen des Amethyst und beim Polieren der Oberfläche auch seine Härte zeigt. Diesen Betrug, den man Doublierung nennt, erkennt man leicht, wenn man den Stein nach seinen Seiten vor das Auge hält, oder wenn er gefasst ist, schief auf seine Tafel hinsieht, wo sich bald eine falsche Spiegelung zeigt. Auch zur Verschönerung der Steine trägt man oft durch Unterlegung farbiger Folien bei und gibt bei einem Steine, dessen Färbung nicht an allen Stellen gleich stark ist, am lichteren Teile eine dunklere Unterlage.
Da Gleichheit der Farbe eine der vorzüglichsten Schönheiten eines Steines ausmacht, so wäre zu raten, Steine von größerem Werte nur in Fassung à jour oder ungefasst zu kaufen. Die alten Pasten sind meistens braunweiß, viele grünweiß, blau gestreift, und viele andere blau wie Türkis, grün violett und hellgrün. Das Glas wurde bei den Antiken überhaupt weit mannigfacher verwendet, als dieses in neuerer Zeit geschieht. Es diente außer zu gewöhnlichen Gefäßen, deren sich eine Menge in dem herkulanischen Museum befinden, auch zur Verwahrung der Asche der Vorverstorbenen und von diesen Gefäßen besaß Mr. Hamilton, großbritannischer Minister zu Neapel, die zwei größten der bisher unversehrt aufgefundenen. Das eine über dreieinhalb Palmen [Handflächen?] hoch, fand sich in einem Grabe bei Pozzuoli. Das kleinere Gefäß wurde im Monate Oktober 1767 bei Cumä, mit Asche angefüllt in eine bleierne Kapsel eingesetzt, gefunden; das Blei aber wurde von dem, der es fand, zerschlagen und verkauft. 'Von einigen hundert Zentnern zerbrochener Stücke gewöhnlicher Gefäße', so erzählt Winckelmann, 'die in der sogenannten farnesischen Insel (neun Miglien [Meilen] außer Rom, auf dem Wege nach Viterbo) ausgegraben und an die römischen Glasfabriken verkauft wurden, sind mir einige Stücke von Trinkschalen zu Gesicht gekommen, die auf der Drehscheibe gearbeitet sein müssen; denn es haben dieselben hoch hervorstehende und gleichsam angelötete Verzierungen, an denen die Spur des Rades, mit welchem ihnen die Ecken und Schärfen angeschliffen worden sind, deutlich zu erkennen ist'. *)
*) Ein Stück von solchen Trinkschalen, wie sie Winckelmann hier erwähnt und welches auch denjenigen ähnlich war, wovon gleich nachher die Rede sein wird, befand sich sonst in der Sammlung des Hofrats Reiffenstein in Rom. Von der Art und Weise der hier angezeigten Glasarbeit und von der Geschicklichkeit der alten Künstler darin kann die herrliche Schale ein Zeugnis geben, welche um das Jahr 1725 im Novarresischen gefunden wurde und ehemals dem Herrn Everardo Visconti, nachher dem reichen Museum des Herrn D. Carlo de Marchesi Trivulzi angehörte. Die Schale ist netzförmig und das Netz ist wohl drei Linien vom Becher entfernt, mit welchem er vermittels feiner Fäden oder Stäbchen aus Glas, die in fast gleicher Entfernung verteilt sind, verbunden ist. Unter dem Rande zieht sich in hervorstehenden Buchstaben, die wie das Netz durch Hilfe erwähnter Stäbchen etwa zwei Linien weit von dem eigentlichen Becher getrennt sind, folgende Inschrift herum: BIBE, VIVAS MULTIS ANNIS, ein gewöhnlicher Toast, welchen nach Buonarroti die Alten auf solche Glasschalen zu setzen pflegten. Die gedachte Schale hat weder Fuß noch Basia, wie es bei vielen alten Schalen der Fall ist; um sie hinzustellen war daher ein in der Mitte hohles Gestell nötig, welches man [griech. Text] nannte Die Buchstaben der Inschrift sind von grüner Farbe, das Netz ist himmelblau, beide ziemlich glänzend. Der Becher hat die Farbe des Opals, d.h. eine Mischung von Rot, Weiß, Gelb und Himmelblau, wie die lange Zeit unter der Erde gelegenen Gläser zu sein pflegen. Es wäre indessen möglich, dass der Künstler selbst dem Glase diese Farbe gegeben hätte, wie es zuweilen geschah, um aus Glas falsche Edelsteine zu machen. Zuverlässig sind an dieser Schale weder die Buchstaben noch das Netz auf irgend eine Weise angelötet, sondern das Ganze ist mit dem Rade aus einer festen Masse Glas auf dieselbe Weise wie bei den Kameen gearbeitet. Die Spur des Rades nimmt man deutlich wahr. Von dieser Art, das Glas zu bearbeiten, redet Plinius. Die Stadt Sidon machte sich vorzüglich durch solche Arbeiten berühmt.
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