Schutz und Magie
Wahrscheinlich ist aber doch dies die älteste Funktion von Schmuck: Trophäen erjagter Tiere, in der Hoffnung, dass etwas von deren Eigenschaften - Kraft, Mut, Ausdauer - auf diese Weise auf den Träger übergeht. Talismane, Amulette und andere Ausprägungen von Aberglauben in dem verzweifelten Versuch, die willkürlich erscheinenden Kräfte der Natur und des Schicksals in den Griff zu bekommen. Diese Vorstellungen sind normal, und jeder Mensch erlebt in seiner frühen Kindheit ein magisches Weltbild: "Augen auf - die Welt ist da! Augen zu - ich lasse die Welt verschwinden." Manche Menschen gewöhnen sich im Laufe ihrer Entwicklung daran, die Ursache- und Wirkungsketten etwas differenzierter zu betrachten.
Freiheitsberaubung
Als Kettenersatz diente afrikanischer Schmuck, wenn Frauen mit Gewichten aus Elfenbein und Messing in der Form unförmigem, riesigen Schmucks so vollgehängt wurden, dass sie sich nur noch langsam watschelnd bewegen konnten. Dies galt als ästhetisch. In unserem Kulturkreis wurde diese Funktion eher durch Kleidung, vor allem Schuhwerk übernommen.
Unästhetik
Die riesigen Lippenpflöcke, die bis vor nicht allzu langer Zeit bei einigen afrikanischen Stämmen beliebt waren, sollten - so behauptet zumindest eine weit verbreitete Theorie - hässlich machen. So hässlich, dass kein anderer Stamm oder Sklavenhändler auf den Gedanken käme, diese solcherart "geschmückten" Frauen zu rauben. Es ist zu befürchten, dass auch bei uns Schmuck oft mit ähnlichen Hintergedanken verschenkt wird.
Schmuck als Zierde
Schmuck ist zum Schmücken, dient als Zier, als Zierde, er ziert. Ist mit dieser Formulierung pure Lust an Ästhetik gemeint? Oder negativ ausgedrückt: Eitelkeit? Dennoch wird auch hier eindeutig ein Verwendungszweck bezeichnet: Betonung von Proportionen, Fang und Lenkung des Blickes - auf schöne Finger, ein schönes Dekolletee, wohlgeformte Ohren, anmutige Bewegungen. Oder - umgekehrt - Ablenkung von weniger vorteilhaften Eigenschaften des Körpers.
Schmuck zum ästhetischen Selbstzweck
Bei dieser Betrachtungsweise wird Schmuck tatsächlich zweckfrei zum ästhetischen Selbstzweck erhoben. Er wird nicht länger als Attribut eines menschlichen Körpers betrachtet, sondern der Mensch wird zur Ausstellungsfläche, zur Galeriewand degradiert. Einen noch weitergehenden Abstraktionsgrad erfährt der sogenannte "Untragbare" Schmuck, Schmuckstücke, die nicht mehr dazu gedacht oder geeignet sind, am Körper getragen zu werden, sondern an diese Verwendung nur noch ideell anknüpfen. Auf diese Weise entstehen "normale" Skulpturen, deren besonderer Reiz darin besteht, dass man an sie gedanklich noch Maßstäbe für Schmuck ansetzt.
Schmuck - ein Sammelbegriff für vollkommen unterschiedliche Intentionen
Wenn man Schmuck auf seine Funktionen hin betrachtet, zerfällt der zunächst einheitlich erscheinende Begriff in so vollkommen unterschiedliche Aspekte, dass es tatsächlich verwunderlich erscheint, wie diese verschiedenen Auffassungen von Schmuck unter einem einheitlichen Begriff zusammengefasst sein können.
Dies ist nicht die Webpräsenz der präsentierten Goldschmiede und Goldschmiedinnen, und sie spiegelt nicht deren Meinung wider, aber sie ist inspiriert durch deren Schmuck und mit diesem illustriert.
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