Gewöhnlich grenzt man Schmuck von Gebrauchsgegenständen ab. Die Trennlinie müsste also irgendwo (von oben nach unten) durch Haarspangen über Uhren, Siegel-, Gift-, und Schlagringe zu Krawattennadeln und Gürtelschnallen verlaufen. (Den weiteren Verlauf der Trennlinie hebe ich mir für separate Betrachtungen auf.) Aber wie steht es mit weniger handfesten Funktionen von Schmuck, zum Beispiel (von links nach rechts) bei Hammer & Sichel-Reversnadeln, Atomkraft-nein-danke!-Buttons, Kronen, Orden oder
Kruzifixen?
Gibt es Schmuck als zweckfreie Ausprägung reinen Ästhetikgefühls? Gibt es zweckfreie Ausprägungen reinen Ästhetikgefühls? Gibt es überhaupt Ästhetikgefühl? STOP!
Der Reihe nach (von hinten nach vorn): Warum lieben manche Menschen Schmuck?
Hortung von Reichtum
Es gibt sicher Menschen, die Reichtum für reine Ästhetik halten und dessen Hortung als eine Form musealer Kulturpflege betrachten. Auch lustig.
Ansonsten ist unter diesem Aspekt erworbener Schmuck ein Gebrauchsgegenstand, vergleichbar mit Goldbarren, Aktien oder Sparbüchern. Wie man allerdings auf die Idee kommen kann, - anders als bei Goldbarren, Aktien oder Sparbüchern - Reichtum in Form von Schmuck nicht nur am Körper zu tragen, sondern dies auch noch bewusst nach außen zu demonstrieren, ist etwas erklärungsbedürftig. Vielleicht stammt diese Sitte noch aus der Zeit der frühsteinzeitlichen Jäger und Sammler, die noch nicht über dauerhafte Höhlen verfügten, in die sie hätten Tresore einbauen können. Noch heute tragen Frauen in manchen Kulturen der sogenannten Dritten Welt ihr gesamtes Vermögen in Form von Goldschmuck mit sich herum, und im Falle einer Verstoßung durch ihren Mann ist dieser Schmuck ihr gesamtes Hab und Gut und ihre Überlebensversicherung. Es mag jedoch erstaunlich erscheinen, dass sich dieser uralte Brauch in unseren Kulturkreisen bis heute erhalten hat.
Navamoon
Sehr eleganter und ergonomischer Fingerring
aus mehreren unterschiedlichen Edelmetallen.
Schmuck von Uschy Schleipfer, Frankfurt.
|
|
  |
Statussymbol
Es scheint einiges dafür zu sprechen, dass Schmuck bereits in der jüngeren Altsteinzeit, vor etwa 50.000 Jahren, gleichzeitig in Afrika, Asien, Australien und Europa verwendet wurde. Die beiden Archäologen Mary Stiner und Steven Kuhn (Universität Arizona) vertreten die interessante - natürlich nicht unumstrittene - Theorie, dass diese gleichzeitige Entwicklung über verschiedene Kontinente hinweg mit der zunehmenden Bevölkerungsdichte und den damit zunehmenden Begegnungen mit Unbekannten zusammenhänge. Schmuck hätte dabei geholfen, Fremden gegenüber den eigenen Status anzuzeigen. Also Statussymbole und Protzgehabe als erste Symptome ausbrechender Kultur?
Lebensfreude
Dagegen vertritt der spanische Philosoph Fernando Savater die Ansicht, dass es die Reaktion der vorgeschichtlichen Menschen auf die Erkenntnis der Sterblichkeit gewesen sei, die zur Herstellung und Verwendung von Schmuck geführt hätte: sich schön machen und schmücken, mit Symbolen Freude darüber zeigen, (noch) lebendig zu sein.
Nette Erklärung, aber ich glaub's nicht.
Ignoranz
Da bringt mich eine Theorie des spanischen Paläontologen Juan Luis Arsuaga über den Schmuck der Neandertaler auf einen weiterführenden Gedanken: Laut Arsuaga benutzten zwar auch die Neandertaler Schmuck, hätten das Schmucktragen aber nur von unseren Vorfahren, den Menschen des Cro-Magnon kopiert, ohne dessen Sinn zu verstehen.
Vielleicht sind die Neandertaler ja doch nicht ausgestorben ...