Das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau zeigt vom 7.9. bis 9.11.2003 die Ausstellung 'Line Vautrin - Poesie in Metall'. Es handelt sich um 150 Objekte aus der Sammlung Anne Bokelberg, vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zusammengestellt. Weitere Ausstellungsetappen dieser Sammlung sind derzeit nicht vorgesehen, es handelt sich somit um eine besondere Gelegenheit, diese Sammlung außerhalb Hamburgs zu besichtigen.
Obwohl Line Vautrin im Paris der 30er und 40er Jahre, wo sie zeitweise über 50 Mitarbeiter beschäftigte, von der Presse beispielsweise als 'la reine des boutons' (Königin der Knöpfe) oder als 'la poétesse du métal' (Poetin der Metalle) öffentlich gefeiert wurde, sie später in Metropolen rund um den Erdball sehr erfolgreiche und beachtete Ausstellungen erhielt und ihre Werke Einzug in viele prominente Privatsammlungen hielten, ist sie hierzulande leider noch wenig bekannt.
Line Vautrin (1913-1997) schuf von ca. 1933 bis zu ihrem Tode in verschiedenen Schaffensperioden in Paris, Marokko und den USA sehr produktiv Schmuck, Accessoires und Gebrauchsgegenstände, beispielsweise Broschen, Ketten, Dosen, Aschenbecher, Briefbeschwerer und Knöpfe, später waren vor allem ihre Spiegel sehr begehrt.
Aus technischer Sicht ist ihr Werk eher unspektakulär. Bis in die 50er Jahre stellte sie hauptsächlich
vergoldete oder
versilberte, zum Teil auch
emaillierte Bronzegüsse als Unikate oder in kleiner Auflage her. Ab ca. 1950 verarbeitete sie auch Kunstharz in einer von ihr entwickelten Technik, die sie 'Oforge' beziehungsweise 'Talosel' nannte.
Um so bemerkenswerter sind ihre Arbeiten aus stilistischer und inhaltlicher Sicht. So sind Schrift und Bilderrätsel wesentliche Elemente ihrer Ausdruckweise, wie auch eine Vorliebe für bildliche und sprachliche Doppeldeutigkeiten und Verschlüsselungen, die von manchen Autoren dem Surrealismus zugeordnet werden. Vor allem aber ist es die Tatsache, dass die meisten ihrer Kunststücke deutlich sichtbar eine Idee enthalten - einen spontanen Gedanken wiedergeben, ein Erlebnis festhalten oder kommentieren, einen Appell an die Umwelt richten, einfach nur eine Redewendung visualisieren oder Lebensträume ahnen lassen.
Es macht viel Spaß, diese Ideen zu entschlüsseln, die Denkweise, die Gefühle und die Erfahrungen von Line Vautrin nachzuvollziehen und auf diese Weise ihr (vielleicht) recht nahe zu kommen. Ganz besonders ist die Wärme und Nähe, die diesen Schmuckstücken innewohnt, im Kontrast zum zuvor im Goldschmiedehaus präsentierten Art Déco Schmuck mit seiner weitgehend inhaltsfreien Formalästhetik zu spüren.
Man sollte sich also etwas Zeit gönnen, wenn man diese Ausstellung besucht. Mit den dort gebotenen biografischen Daten erschließt sich dem Betrachter das Werk von Line Vautrin weitgehend von selbst. Wer sich intensiver mit ihren Arbeiten und ihrem Leben befassen möchte, kann die aufwändig hergestellte (und daher leider nicht ganz billige) Publikation des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg über Line Vautrin erwerben.
Die Ausstellung im Deutschen Goldschmiedehaus hat - gewollt oder ungewollt - im zeitlichen Kontext der 'Meisterzwang'-Diskussion und im räumlichen Kontext Hanau, als dem Standort der Staatlichen Zeichenakademie, eine pikante politische Note:
Trotz ihrer unzähligen und einzigartigen Arbeiten, trotz ihrer Funktion als Arbeitgeberin und ihrer Lehrtätigkeit, hätte sich Line Vautrin in Deutschland nicht Goldschmiedin nennen, geschweige denn als Goldschmiedin Personal einstellen oder ausbilden dürfen, denn sie war - wie viele international renommierte Schmuckkünstler - Autodidaktin, die jegliche Abhängigkeit vermied und entschlossen ihren eigenen, sehr bemerkenswerten Weg ging.
Ausstellungsdaten
7.9. - 9.11.03 Deutsches Goldschmiedehaus, Hanau
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Ausstellungsort
Das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau